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Das Weinparlament

14. September 2006

Gammelfleisch II

Autor: | Zeit: 10:20 Uhr | Rubrik: Der alltägliche Wahnsinn, Essen & Trinken

Ein zweiter Text vom Weinschreiber beleuchtete das Problem ebenfalls von einer anderen Seite:

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Konsum im 21. Jahrhundert (aus Bargatzky’s Weinblogg vom 05.02.2006)

Wir leben im Jahr 2006. Die ganze Welt ist von Discountern erobert.
Die ganze Welt?
Nein! Denn eine kleine Schar von Konsumenten gibt die Hoffnung nicht auf, dass die mediale Öffentlichkeit noch viel intensiver über die Missstände in Fragen der Lebensmittelqualität berichtet. Über Missstände, die vor allem bei den Discountern aufgedeckt werden. Doch diese Schar ist klein. Und scheint gegen Windmühlen kämpfen zu müssen. Aber es gibt ein passendes Sprichwort: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Doch um welchen Kampf geht es denn überhaupt?

Die Menschen des 21. Jahrhunderts sind zu Konsumenten erzogen worden, die ganzjährig, Tag für Tag, genau das verlangen, was vor gar nicht allzu langer Zeit noch das Besondere war. Der Sonntagsbraten bekam einst seinen Namen, weil der Sonntag der kulinarisch besondere Tag der Woche war. Heute ist der Sonntagsbraten mit dem Montagsbraten, dem Dienstagsbraten, dem Mittwochbraten, dem Donnerstagsbraten, dem Freitagsbraten und dem Samstagsbraten gleichzusetzen. Ebenso verhält es sich mit vielen weiteren Lebensmitteln, deren saisonales Vorhandensein mittlerweile durch den Einsatz künstlicher Mittel, von Gewächshäusern oder durch Genmanipulation aufgeweicht worden ist. Natürlich gibt es nun ganzjährig Erdbeeren, Tomaten, Orangen und Äpfel. Der Konsument verlangt es so, der Konsument bekommt es so. Aber bitte nicht wundern, dass die Tomate nicht mehr nach Tomate schmeckt. Das wäre dann ja doch etwas viel verlangt!
Denken Sie mal darüber nach: Früher gab es einen Braten pro Woche, heute sind es sieben. Sie meinen, das sei übertrieben? In jedem Döner, jedem Hamburger, jedem Gyros steckt Fleisch in Unmengen. Das gilt es auch zu berücksichtigen!
Also gehen wir mal davon aus, dass die Bevölkerung seit den Zeiten des bewussten Konsums, also des real existierenden Sonntagsbratens, um 20% zugenommen hat. Gehen wir gleichzeitig mal davon aus, dass sich der Fleischverbrauch pro Kopf versechsfacht hat. Ich will ja nicht übertreiben, vielleicht gibt es ja wirklich einen fleischfreien Tag pro Kopf und Woche. Dann müssen die das deutsche Volk versorgenden Bauern mittlerweile das 7,2-fache an Fleisch produzieren, als noch vor wenigen Jahren.

Und jetzt die entscheidende Frage: Wie soll das klappen?
Wir können getrost das Bild glücklicher Tiere vergessen, die friedlich weidend frohe Tage auf der Alm verbringen. Das klappt so nicht. So viele Alpen gibt es gar nicht, als dass dort genügend Vieh gehalten werden könnte. Die Lösung heißt Massentierhaltung. Und ordentlich Antibiotika. Eine Spritze am Tag macht kräftig, saftig, schneller fertig.
Ups! Beinahe vergessen! Antibiotika wirkt bei übermäßiger Einnahme nicht mehr, wenn es mal wirklich wirken soll. Und wenn wir „geschöntes“ Fleisch essen, nehmen wir zwangsläufig diesen Wirkstoff zu uns. Ein Teufelskreis, meine Damen und Herren!

Was hat das jetzt alles mit Wein zu tun? Schließlich heißt dieses Blog ja Bargatzky’s Weinblogg. Der Zusammenhang liegt näher, als der eine oder andere Leser vermuten mag.
Wein wird mittlerweile auch zunehmend von den Discountern angeboten. Der größte Teil der in Deutschland gekauften Weine findet seine Abnehmer bei Aldi, Lidl, Plus und co. Bei den Ladenketten, die tausendfach in Deutschland vorhanden sind. Und die alle mit Wein beliefert werden wollen.
Und da fängt es an, weh zu tun. Denn die Anbaufläche in Deutschland ist beispielsweise nicht im gleichen Maße gewachsen, wie der Weinabsatz. Wo früher noch Wert auf Qualität gesetzt wurde, muss heute zwangsläufig Quantität erwirtschaftet werden. Beides zusammen geht nicht. Will ein Winzer Qualität, muss er die Kraft der Rebe auf möglichst wenige Trauben verteilen. Das wird in der Regel durch den so genannten Rebschnitt erreicht, also durch die Reduktion, das Wegschneiden eines großen Teils der am Rebstock hängenden Trauben. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass weniger von diesem Wein produziert wird.
Aber das interessiert den Großabnehmer nicht. Er braucht möglichst viele Flaschen ein und des selben Weins. Schließlich will der Konsument an jedem Tag in der Woche in allen Ladengeschäften des Discounters die Möglichkeit haben, den Wein in ausreichender Menge vorzufinden.
Die Frage beantwortet sich fast von selbst: Kann ein nach solchen Maßstäben erzeugter Wein qualitativ hochwertig sein?

Doch zurück zum Ausgangspunkt dieses Essays. Es ist ein Kampf. Ein Kampf dafür, die Konsumenten wieder an den Gedanken der Qualität zu erinnern. Sie daran zu erinnern, dass es nicht nur den Discounter gibt. Sondern darüber hinaus auch noch den Fachhändler. Und die Wahrscheinlichkeit, Qualitätsprodukte beim kleinen Einzelhändler zu finden, ist ungleich höher, als einige Medien es uns weismachen wollen. Geben wir Konsumenten den Menschen eine Chance, die sich für Qualität einsetzen. Kaufen wir lieber weniger, dafür besser ein. Schauen wir beim Fachhändler, ob er Vergleichbares nicht auch anbietet.

Denn stellen Sie sich vor, es gäbe den Einzelhändler nicht mehr. Wer sollte dann mit seinem Namen für die Qualität seiner Produkte eintreten? Wer sollte persönlich auf das Wohl einer Kunden bedacht sein? Wer soll denn einen ausgefallenen Wunsch erfüllen?

Die Discounter ringen seit geraumer Zeit um Marktanteile. Diese erobern sie nur dann, wenn sie billiger sind, als die Konkurrenz. Gespart wird dann an der Qualität der Produkte. Denn anders kann das System gar nicht funktionieren. Denn ein Discounter ist kein Sozialamt. Oder warum sind die Aldi-Gründer die reichsten Deutschen geworden?

———————————————-

Ob die Zahlen jetzt absolut korrekt sind, spielt keine Rolle. Deutlich wird jedoch, dass es das Konsumverhalten von heute nicht mehr zulässt, gewünschte Produkte in ausreichender Masse qualitativ hochwertig anzubieten. Das ist Fakt. Leider.

CU

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2 Kommentare to “Gammelfleisch II”

  1. Matthias Metze schreibt:

    Zu ergänzen wäre noch:
    Es wird oft angeführt, dass Lebensmittel, auch Weine, von Aldi & Co teilweise von hoher Qualität seien. Immer wieder wird von Blindverkostungen berichtet, in denen sich Aldi-Weine ganz gut schlagen.
    Ich kaufe sie trotzdem nicht. Denn ein Erzeuger, der qualitativ hochwertige Ware verkauft, muss seinen Preis dafür haben. Kein qualitätsbewusster Erzeuger wird seine Ware freiwillig an die Discounter verkaufen, da diese ihn erstens im Preis bis unter die Schmerzgrenze drücken, und ihn zweitens in wirtschaftliche Abhängigkeit treiben.
    Diese wird den qualitätsbewussten Erzeuger irgendwann dazu zwingen, seine Maßstäbe zu senken … bis hin zum Gammelfleisch (bei dem allerdings wohl auch etwas kriminelle Energie vonnöten ist).
    Ich decke meinen Bedarf also direkt beim Erzeuger oder beim mittelständischen Fachhandel, sei es Winzer, Bio-Bauernhof, Weinladen, Bioladen, Bäcker, Fleischer. Und ich kaufe regional (Ausnahme Wein, ich wohne in Norddeutschland). Und habe keine Probleme mit Gammelfleisch oder schlechten Weinen.

  2. Weinschreiber schreibt:

    Hallo Matthias,
    Du sprichst mir aus der Seele! Vielen Dank für diese Ergänzungen!
    Gruß
    Ingo

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