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CB-Weinhandel

14. September 2006

Gammelfleisch

Autor: | Zeit: 10:14 Uhr | Rubrik: Der alltägliche Wahnsinn, Essen & Trinken

Das Unwort der letzten Tage zieht immer größere Kreise: Gammelfleisch. Überall in Deutschen Landen finden Kontrolleure vergammeltes Fleisch, stinkenden Fisch und verfaultes Gemüse. Und ganz Deutschland schreit auf. Da fällt mir nur noch eines zu ein: Scheinheilig. Und gleich erinnere ich mich an vergangene Diskussionen über den Wert der Ware, über deutsches Einkaufsverhalten. Und an eine Hommage an den Fachhandel, welche ich am 28.12.2005, also vor fast einem dreiviertel Jahr verfasst habe. Aber lesen Sie selbst:

Eine Hommage an den Fachhandel (aus Bargatzky’s Weinblogg vom 28.12.2005)

Wie oft gerät man im Leben in Situationen, bei denen man nicht mehr weiter weiß und auf die Hilfe von Menschen angewiesen ist, die etwas vom entsprechenden Metier verstehen? Selbst die Werbung weist uns regelmäßig darauf hin, dass man jemand fragen sollte, der etwas davon versteht. Doch warum muss überhaupt dafür geworben werden?

Die Antwort liegt auf der Hand: Geiz ist geil. Geil vor allem für den deutschen Konsumenten. Geil, weil dann mehr Geld für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens übrig bleibt. Wie für die wöchentliche aufwändige Reinigung des heiß geliebten Autos. Oder für die Anschaffung der neuesten Wohnzimmertechnik. Oder für noch ein Accessoire, noch eine DVD, noch eine Mediamarkt-Saturn-Discounter-Anschaffung.

Gespart wird dann natürlich an den unwichtigen Dingen des Lebens. Ganz vorne auf der Streichliste sind Lebens- und Genussmittel. Warum auch auf das Fleisch verzichten, wenn man es beim Discounter geradezu hinterher geworfen bekommt? Und der Fleischskandal findet sowieso überall statt – aber doch nicht bei dem Discounter meines Vertrauens! Genauso verhält es sich mit dem Obst, dem Gemüse oder dem Fisch. Belastet? Wer oder was wird denn hier belastet? Mein Portemonnaie jedenfalls nicht. Schadstoffe? Schmecke ich nicht. Gibt’s also nicht.

Billig will ich! Sonst zählt nix! Warum auch – wie vor einigen Jahren noch üblich – nur ab und zu mal Fleisch auf den Tisch? Wo es doch jetzt täglich möglich ist! Woher das ganze Fleisch kommt, kann doch egal sein. Strom kommt schließlich auch aus der Steckdose.

Es lebe der Discounter! Nieder mit dem Fachhandel! Wozu brauchen wir den Menschen, den man fragen könnte, wisse man nicht mehr weiter? Das ist doch alles Humbug! Der Fachhandel will doch nur mehr Geld für gleiche Leistungen! Das sind die Abzocker! Da lobe ich mir doch meinen Discounter! Großhandelspreise! Das ist, was zählt! Geld! Geld! Geld! Ich will sparen! Nur nicht in der Quantität!

Ja, woran denn dann?

Was bleibt, ist die Qualität. Nur das wird gerne ignoriert. Getreu dem Motto der drei Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – verhalten wir uns auch beim Konsum. Ökologisch saubere Lebensmittel? Sind zu teuer! Und wie soll ich denn die tägliche Fleischration bezahlen, hole ich sie beim Metzger und nicht bei Aldi, Lidl, Plus und Co.?

Tja, und jetzt fangen sie auch noch an, dem Fachhandel in die letzten Nischen rein zu hauen. Aldi verkauft Handytarife, Plus verkauft Häuser, Tchibo fast alles und Rossmann nun Grand Crus aus dem Bordeaux. Tja, lieber Fachhändler, wozu brauche ich Dich eigentlich noch? Was kannst Du, was die Discounter nicht können?

Beraten, unterstützen, Emotionen wecken. Und in die Geheimnisse der Produktwelt einweihen. Sich individuell auf Wünsche und Nöte des Kunden einlassen, Unmögliches möglich zu machen, Energie in die Erfüllung eines eigenen Lebenstraumes stecken.

Lieber Fachhändler, keine Sorge! Ich werde weiterhin versuchen, bei meinen Anschaffungen stets bei Dir vorbeizuschauen, um Dein Dasein zu sichern! Denn ich bin der Meinung, dass die Welt ärmer wäre ohne Dich! Mir würde etwas fehlen, wenn ich nur noch in den Angeboten der Discounter stöbern könnte. Mir würde das persönliche Gespräch fehlen, die Möglichkeit, das Produkt vor Kauf kennen zu lernen, den Wein zu verkosten, einen Probehappen von der Pastete zu kosten oder meine individuellen Wünsche zu äußern.

Ich gebe zu, ich habe keinen Goldesel im Keller, der mich zu einem reichen Menschen macht. Hätte ich ihn, würde ich alles beim Fachhändler kaufen. Daher sage ich mir: Lieber weniger, dafür besser. Ich muss nicht täglich drei Gänge zum Mittag haben, opulente Vesper oder den besonderen Tropfen. Aber wenn ich das möchte, dann richtig.

Ich bin mir auch bewusst, dass es viele Menschen gibt, die sich ein kostspieliges Leben überhaupt nicht leisten können. Ich verurteile die Discounter ja auch nicht in Gänze. Ich bin auch Konsument von Plus. So what! Aber ich weiß, wo ich die Beratung für die besonderen Genüsse des Lebens finde. Die ich mir auch nicht täglich leisten kann. Das Besondere soll ja auch das Besondere bleiben.

Der Genuss ist für mich ein ganzheitliches Phänomen. Er fängt beim Einkauf der Produkte an, geht über die Vorbereitungsphase bis hin zum Gaumenschmaus. Ich möchte bewusst erleben und die Sinne anregen. Auf dem Wochenmarkt die saisonalen Angebote prüfen, beim Metzger beraten werden, den richtigen Wein beim Weinhändler erstehen. Und das Gefühl haben, was Gutes gekauft zu haben.

Ach so! Muss ich noch meine Meinung zu den Menschen kundtun, die sich beim Fachhändler beraten lassen, um dann ihr Geld zum Discounter zu tragen? Dass sie sich das Wissen von den Leuten holen, die sich emotional mit ihrem Angebot identifizieren, derweil es dem durchschnittlichen Teilzeitverkäufer im Großhandel ziemlich schnuppe ist, ob mein Geld zu ihm oder irgendwohin wandert? Immerhin können so noch mal 3% gespart werden! Gute Beratung ist doch im Grunde eh nichts wert. Die bekomme ich auch aus den Fachzeitschriften, den Magazinen oder Tageszeitungen. Denn journalistisch sind die Discounterangebote bereits sehr gut erschlossen.

Aktueller denn je. Leider.
CU

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